Berühmte Frauen im Straßenbild – Stadtradeln durch Regensburg

Trotz hei­ßer Tem­pe­ra­tu­ren haben wir uns am Frei­tag Abend auf die Spu­ren berühm­ter Regens­bur­ger Frau­en bege­ben, denen man in den letz­ten Jah­ren Stra­ßen­na­men gewid­met hat. Noch immer sind Frau­en im Regens­bur­ger Stadt­bild stark unter­re­prä­sen­tiert. Nur 5,6% der Stra­ßen tra­gen Namen Poli­ti­ke­rin­nen, Wis­sen­schaft­le­rin­nen, Akti­vis­tin­nen oder Künst­le­rin­nen. Zum Ver­gleich, männ­li­che Per­so­nen sind auf 30,6% der Schil­der ver­tre­ten. Doch wer waren die­se berühm­ten Regens­bur­ger Frau­en, die es bis auf die Stra­ßen­schil­der geschafft haben? Wie hat sich ihr Leben gestal­tet, was haben sie erreicht und mit wel­chen Hür­den hat­ten sie zu kämp­fen? Wir haben uns mal schlau gemacht und sind ihren Lebens­li­ni­en gefolgt. 

Unse­re knapp 15 km lan­ge Tour begann im Stadt­zen­trum, führ­te dann Rich­tung Hafen, durch das Osten­vier­tel bis nach Schwa­bel­weis und wie­der zurück. Gestar­tet sind wir in der Drei-M-Stra­ße in Mit­ten der Alt­stadt, einer Stra­ße, für deren Umbe­nen­nung sich die AG Stra­ßen­um­be­nen­nung seit Som­mer 2020 ein­setzt. Hier­für sehen wir gute Grün­de. Zum einen han­delt es sich bei der betref­fen­den Bezeich­nung, die aktu­ell als „Möh­ren“ zu lesen ist, um einen Aus­druck aus der Kolo­ni­al­zeit, der fest an ras­sis­ti­sches Gedan­ken­gut geknüpft ist. Zudem gibt es genü­gend Per­sön­lich­kei­ten, die bis­lang nicht aus­rei­chend gewür­digt wur­den und mit­tels einer Stra­ßen­um­be­nen­nung gebüh­rend gefei­ert wer­den könn­ten. Das The­ma Diver­si­tät wird bis­her in den Stra­ßen­na­men kaum zur Gel­tung gebracht. Wir wür­den uns des­halb freu­en, wenn an die­ser Stel­le bei­spiels­wei­se an die beein­dru­cken­de Regens­bur­ge­rin May Ayim erin­nert wird. Mit ihr hat unse­re klei­ne Radl­tour auch angefangen. 

Drei-Mohren-Straße in Regensburg, Gäste sitzen vor dem Café
Drei-M-Stra­ße in Regens­burg – der­zeit als Drei-Möh­ren-Stra­ße zu lesen

May Ayim

May Ayim wur­de am 3. Mai 1960 in Ham­burg gebo­ren und starb am 9. August 1996. Sie ist die Toch­ter des gha­nai­schen Medi­zin­stu­den­ten Emma­nu­el Ayim und der Deut­schen Ursu­la And­ler. Die ers­ten 1,5 Jah­re ihres Lebens ver­brach­te May Ayim im Kin­der­heim, da ihr Vater sie nicht nach Gha­na mit­neh­men durf­te. Sie wur­de anschlie­ßend von der Fami­lie Opitz in Müns­ter adop­tiert. Ihr Vater besuch­te sie mehr­mals bei ihrer Pfle­ge­fa­mi­lie. May Ayim wur­de auf­grund ihrer Haut­far­be oft mit Gewalt und Angst konfrontiert.

Sie schloss an der Uni­ver­si­tät in Regens­burg (1986) ihr Diplom in Psy­cho­lo­gie und Päd­ago­gik ab. Ihre Diplom­ar­beit ver­öf­fent­lich­te die Afro-Deut­sche May­im im Band „Far­be beken­nen“. Der Regens­bur­ger Pro­fes­sor lehn­te die Ver­öf­fent­li­chung des Wer­kes ab, da er mein­te es gebe kei­nen Ras­sis­mus in Deutsch­land. Dies umging May Ayim, indem sie eine Prü­fe­rin in Ber­lin fand, die sich bereit erklär­te, ihr Werk zu veröffentlichen.

1984 zog May Ayim nach West-Ber­lin. 1986 grün­de­te sie die „Initia­ti­ve Schwar­ze Deut­sche und Schwar­ze in Deutsch­land“ mit, bevor sie 1990 ihre Aus­bil­dung zur Logo­pä­din abschloss. Sie arbei­te­te bis 1995 als Lehr­be­auf­trag­te an der Ali­ce-Salo­mon-Fach­hoch­schu­le, der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin und an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin. Sie ver­fass­te zahl­rei­che Wer­ke in denen sie sich u.a. mit Dis­kri­mi­nie­rung befasste.

Johan­na Dachs

Zwei­ter Stopp: Zufahrt zur Johanna-Dachs-Straße

Johan­na Dachs wur­de am 4. Dezem­ber 1900 in Wei­den gebo­ren und ist am 28. Janu­ar 1974 in Tegern­heim gestor­ben. Ihrem Vater, einem könig­li­chen Bau­mamt­man­nes, lag viel an der Bil­dung sei­ner Toch­ter. So stu­dier­te Johan­na nach dem Abitur ein Semes­ter Maschi­nen­bau an der TU in Mün­chen, bevor sie das Stu­di­um abbrach, um ihren ehe­ma­li­ger Leh­rer Hans Sachs zu hei­ra­ten. Sie set­ze sich für die Grün­dung der Uni­ver­si­tät in Regens­burg ein, indem sie geziel­te Öffent­lich­keits­ar­beit betrieb und sich mit zustän­di­gen Behör­den aus­ein­an­der­setz­te. 1964 beschloss der Land­tag auf­grund ihres Ein­sat­zes die vier­te Uni­ver­si­tät in Bay­ern zu gründen. 

Johan­na Dachs brach­te sich als Stadt­rä­tin trotz Gegen­wind und star­ker Beschimp­fun­gen durch Mit­glie­der ihrer Par­tei ein. Als sie sich ent­ge­gen des Votums der CSU-Frak­ti­on gegen ein Tanz­ver­bot in der Fas­ten­zeit aus­sprach, wur­de sie von ihren Kol­le­gen als „Hure“ bzw.  „Furie“ bezeich­net. Trotz­dem äußer­te sie ihre Mei­nung wei­ter­hin laut, bei­spiels­wei­se lehn­te sie auch das Ver­bot von Fil­men wie „Die Sün­de­rin“ ab. 

Edith Stein (Ordens­na­me: Tere­sia Bene­dic­ta vom Kreuz)

Straßenname Edith von Stein vor Baum in einer Neubausiedlung

Edith Stein wur­de am 12.Oktober 1891 als jüngs­tes von elf Kin­dern in eine jüdisch-ortho­do­xe Fami­lie in Bres­lau gebo­ren. Die begab­te Schü­le­rin stu­dier­te nach ihrem Abitur die Fächer Psy­cho­lo­gie, Ger­ma­nis­tik, Phi­lo­so­phie und Geschich­te auf Lehr­amt. Nach ihrem Staats­examen pro­mo­vier­te sie und arbei­te­te bis 1918 als Assis­ten­ten ihres Dok­tor­va­ters. Ihre Ver­su­che, zur Habi­li­ta­ti­on zuge­las­sen zu wer­den, schei­ter­ten aller­dings alle, was vor­ran­gig auf ihr Frau­sein zurück­ge­führt wird.

Drit­ter Stopp: Osten­vier­tel, Edith-Stein-Straße

Im Jahr 1922 ent­schied sich Edith Stein zur Kon­ver­si­on in die katho­li­sche Kir­che. Bis 1932 unter­rich­te­te sie in Spey­er an einer Schu­le der Domi­ni­ka­ne­rin­nen. Danach wech­sel­te sie zum Deut­schen Insti­tut für wis­sen­schaft­li­che Päd­ago­gik in Müns­ter, wo sie unter ande­rem Vor­trä­ge zur Frau­en­fra­ge und zu Pro­ble­men der neu­en Mäd­chen­bil­dung hielt. Nach der Macht­er­grei­fung der Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933 muss­te sie ihren Beruf auf­ge­ben und trat in die Kar­mel Maria vom Frie­den in Köln ein, wo sie fort­an als Tere­sia Bene­dic­ta vom Kreuz leb­te. Nach Bekannt­wer­den ihrer jüdi­schen Her­kunft sie­del­te sie 1938 ins Nie­der­län­di­sche Echt über, wur­de aber auch hier vom Nazi­re­gime ein­ge­holt. 1942 wur­de sie nach Ausch­witz depor­tiert und soweit bekannt, direkt nach ihrer Ankunft am 09. August in der Gas­kam­mer getö­tet. Edith Stein 1987 von Papst Johan­nes Paul II selig­ge­spro­chen und 1988 hei­lig­ge­spro­chen. Seit 1999 ist Edith Stein eine der Patro­nin­nen Euro­pas. Edith Stein war eine außer­ge­wöhn­li­che Frau, eine christ­li­che Phi­lo­so­phin und eine Frau­en­recht­le­rin des frü­hen 20sten Jahr­hun­derts, die, wie so vie­le, ein Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus wurde.

Bar­ba­ra Popp

Menschen mit Fahrrädern an einer Kreuzung in einem Neubaugebiet. Daneben ein Straßenschild mit dem Namen Gabriele-Münter-Straße
Vier­ter Stopp: Bar­ba­ra-Popp-Stra­ße im Neu­bau­ge­biet Schwabelweis

Bar­ba­ra Eli­sa­beth „Babet­te“ Popp wur­de am 4. August 1802 in Hirschau gebo­ren und war eine deut­sche Male­rin und Litho­gra­fin. Als eine der ers­ten Frau­en stu­dier­te sie von 1820 bis 1826 an der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te in Mün­chen. Dar­auf­hin zog sie zurück nach Regens­burg, wo sie ihr Ein­kom­men mit Hei­li­gen­dar­stel­lun­gen und Por­träts von Per­sön­lich­kei­ten aus dem „Regens­bur­ger Roman­ti­ker­kreis“ um Johann Micha­el Sai­ler ver­dien­te. Sie lern­te dann ein Jahr bei Fried­rich Over­beck, ein Prot­ago­nist der naza­re­ni­schen Kunst. 

Nach ihrer Rück­kehr nach Regens­burg war sie eine gefrag­te Künst­le­rin, die zahl­rei­che geist­li­che und bür­ger­li­che Per­sön­lich­kei­ten por­trä­tier­te. Zudem mal­te sie Sze­nen aus dem Leben Chris­ti, Madon­nen, Hei­li­gen­dar­stel­lun­gen und Altar­bil­der. Auf dem Höhe­punkt ihrer Kar­rie­re erhielt sie Auf­trä­ge für meh­re­re Altar­bil­der für den Regens­bur­ger Dom, die aller­dings mitt­ler­wei­le bei spä­te­ren Umge­stal­tun­gen ver­lo­ren gegan­gen sind. Nach dem Tod ihrer Eltern leb­te sie mit ihren Schwes­tern zusam­men und bestritt den Lebens­un­ter­halt wohl weit­ge­hend allein.

Gabrie­le Münter

Gabrie­le Mün­ter wur­de am 19.Februar 1877 als jüngs­tes von vier Kin­dern eines Zahn­arz­tes in Ber­lin gebo­ren.  Früh zeig­te sich ihr Talent für die Kunst und so besuch­te sie unter ande­rem die Damen­kunst­schu­le von Wil­ly Spatz in Düs­sel­dorf. Nach dem Tod ihrer Eltern gab sie ihre Aus­bil­dung jedoch auf und reis­te ab 1899 zwei Jah­re mit ihrer Schwes­ter durch die USA.

1901 zog Gabrie­le Mün­ter nach Mün­chen. Da eine Auf­nah­me in die staat­li­chen Kunst­aka­de­mien Frau­en in die­ser Zeit ver­wehrt blieb, besuch­te sie zuerst eine rei­ne Damen­kunst­schu­le und spä­ter ein Schul­ate­lier. Anschlie­ßend wid­me­te sie sich der Bild­haue­rei und lern­te von Kan­din­sky, mit dem sie zeit­wei­se ein Lie­bes­ver­hält­nis hat­te. Das Paar leb­te eine Zeit lang gemein­sam in Paris, spä­ter in Süd­ti­rol, bevor es sich schließ­lich in Mur­nau am Staf­fel­see nie­der­ließ. Durch den Ein­fluss ande­rer Künst­ler­kol­le­gen wur­de Mün­ter schluss­end­lich zu einer der bedeu­tends­ten, deut­schen, expres­sio­nis­ti­schen Malerinnen. 

Nach den Wir­ren des ers­ten Welt­kriegs war Mün­ter teils von Depres­sio­nen geplagt. In den spä­te­ren 1920er Jah­ren lern­te sie ihren neu­en Lebens­ge­fähr­ten Johan­nes Eich­ner ken­nen, der als Kunst­his­to­ri­ker arbei­te­te und Aus­stel­lun­gen ihrer Gemäl­de orga­ni­sier­te. Wäh­rend des zwei­ten Welt­krie­ges muss­te sie sich ins Pri­vat­le­ben zurück­zie­hen, da die Natio­nal­so­zia­lis­ten ihre Kunst als ent­ar­tet ansa­hen. Nach die­ser Zeit wur­de sie künst­le­risch wie­der akti­ver und ihre Wer­ke wur­den in zahl­rei­chen deut­schen Muse­en aus­ge­stellt. Zu ihrem 80. Geburts­tag schenk­te sie der städ­ti­schen Gale­rien in Mün­chen zahl­rei­che eige­ne Wer­ke und auch 80 Bil­der Kan­din­skys. Sie ver­starb am 19. Mai 1962 in Mur­nau am Staf­fel­see und ist eine der bedeu­tends­ten deut­schen Künst­le­rin­nen des 20. Jahrhunderts.

Fünf­ter Stopp: Gabrie­le-Mün­ter-Stra­ße im Neu­bau­ge­biet Schwabelweis